Noch heute erkranken ehemalige Uranbergarbeiter der Wismut an Krebs - wird jetzt an niedrigerer Dosierung gearbeitet?
München. Veranstaltung des Bundesamtes für Strahlenschutz. In
der DDR war sie ein großer Arbeitgeber, in Westdeutschland dagegen kaum
bekannt: die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft
(SDAG) Wismut. Bis zur Wiedervereinigung 1990 produzierte sie Uran für
die sowjetische Atomindustrie – mit erheblichen Folgen für die Umwelt
und die Gesundheit vieler Beschäftigter. Das Bundesamt für
Strahlenschutz (BfS) führt seit den 1990er Jahren die sogenannte
Wismut-Studie durch, um gesundheitliche Folgen der beruflichen
Strahlenbelastung, wie etwa Lungenkrebs, zu untersuchen.
30
Jahre nach Beginn der Forschungen richtete das BfS dazu den „Zweiten
internationalen Uranbergarbeiter-Workshop“ in München aus. BfS-Vizepräsident Florian Rauser sagte: „Die
Wismut-Studie ist die weltweit größte Kohortenstudie zu Bergarbeitern
und dem radioaktiven Gas Radon, das beim Uranabbau allgegenwärtig ist.
Daher ist sie für die internationale Strahlenschutzforschung
von großer Bedeutung – und sie spielt auch eine Rolle in den aktuellen
internationalen Diskussionen zur Regulation von Niedrigdosen.
„Der
Uranabbau durch die SDAG Wismut ist ein prägender Bestandteil
ostdeutscher Geschichte und Lebensrealität, der bis in die Gegenwart
nachwirkt“, sagt BfS-Vizepräsident Rauser. Rechnerisch lasse sich
zeigen, dass noch heute ehemalige Bergarbeiter der Wismut an
radonbedingtem Lungenkrebs erkrankten. Das Risiko nehme allerdings stark
ab, je länger die Tätigkeit an radonbelasteten Arbeitsplätzen
zurückliege.
Neue Antworten
erhoffen sich die Forschenden bei der Frage, welche Wirkung sehr
kleine Strahlendosen auf Menschen haben können. Hier sollen Projekte mit
internationalen Partnern die Forschung vorantreiben. Die Daten der
Studie stellt das BfS auf Antrag auch externen
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern (und Unternehmen?) zur Verfügung.
Die Datengrundlage der Wismut-Studie
Als
einer der größten Uranproduzenten der Welt beschäftigte die Wismut
zwischen 1946 und 1990 in den Abbaugebieten in Thüringen
und Sachsen über 400.000 Menschen. Insbesondere zu Beginn des
Uranabbaus in den 1940er und 1950er Jahren waren die Uranbergarbeiter
der Wismut extrem hohen Konzentrationen des radioaktiven Gases Radon,
das aus Uran entsteht, und Quarzfeinstaub ausgesetzt.
Die Wismut-Kohorte
Für
rund 60.000 Bergarbeiter wurde aufwendig
rekonstruiert, in welchem Maß sie Radon und dessen Folgeprodukten,
Quarzfeinstaub und äußerer Strahlung ausgesetzt waren. Diese
Bergarbeiter bilden die Wismut-Kohorte – die größte
Uranbergarbeiter-Kohorte der Welt. Eine Kohorte ist eine Gruppe von
Personen mit einem gemeinsamen Merkmal (hier: Tätigkeit als
Uranbergarbeiter).
Seit
Ende der 1990er Jahre lässt das BfS regelmäßig ermitteln, welche
Personen aus der Wismut-Kohorte verstorben sind und wenn
ja, an welcher Todesursache. Anhand der Daten untersucht das BfS die
Zusammenhänge zwischen der beruflichen Strahlen- und Staubbelastung und
den Todesursachen. Aufbau und Nachverfolgung der Wismut-Kohorte wurden
und werden vom Bundesumweltministerium finanziert.
Wismut-Biobank von Menschen...
Neben
der Wismut-Kohorte hat das BfS eine "Biobank" mit biologischen Zell-Proben von
etwa 1.000 ehemaligen Beschäftigten der Wismut aufgebaut.
Dabei geht es darum, biologische Wirkungen von Strahlung auf zellulärer
Ebene zu untersuchen und biologische Merkmale, die auf eine
unterschiedliche individuelle Strahlenempfindlichkeit hindeuten, zu
identifizieren.
Internationale Kooperationen
Die
Daten der Wismut-Kohorte fließen auch in internationale Kooperationen
ein. Derzeit laufen zwei weltweite Pooling-Projekte („PUMA“
– Pooled Uranium Miners Analysis und „iPAUW“ – International Pooled
Analysis of Uranium Processing Workers), bei denen die Daten von
Uranbergarbeiter- und Uranaufbereiter-Kohortenstudien zusammengeführt
und gemeinsam ausgewertet werden.