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Montag, 30. Juni 2025

50 jähriges Jubiläum: "Überwachen und Strafen",

so heißt ein bekanntes Werk des interdisziplinären Denkers Michel Foucault. Moderne Gesellschaften seien durchzogen von Überwachungs- und Disziplinarmechanismen, behauptete er schon 1975. Wie wahr - gerade 2025. Der Abstand zur sogenannten individuellen Freiheit ist deutlich verkleinert. 

Beispielsweise haben in neueren Gefängnissen Gefangene ein nettes kleines Zimmer mit persönlichen Gegenständen, Fernsehen, Internet und bekommen neben der notwendigen Verköstigung allerlei Kreativkurs-Angebote wie Töpfern, manchmal Theaterprojekte über Orwells 1984, sowie Gruppentherapie geboten, ohne das Haus verlassen zu müssen, brauchen nicht zum Militär. Wo liegt da der Unterschied zum Robinson-Club? frage ich jetzt mal ketzerisch, nachdem ich einen Bericht auf Arte sah. 

Allerdings soll es in der Heilbronner JVA unerträgliche Zustände geben, schreibt Buchautor Joachim Walter im overton-magazin.de. 

Durch Corona und homeoffice sind wir inzwischen alle einsamkeitsgeschult und in unsere Überwachungsblase per Künstlicher Intelligenz eingeschlossen... Militärische Drohnen können sogar die Handynummer ansteuern, oder unter Millionen Menschen deine DNA finden und dich auf Anweisung töten... Ipideentextfoto 

Readymade-Skulptur "Überwachung" All rights reserved by ip 

Panoptismus in der digitalen Gesellschaft:
Nicht die direkte Kontrolle ist entscheidend, sondern die ständige Möglichkeit der Beobachtung, die dazu führt, dass wir uns selbst disziplinieren.

Samstag, 30. August 2008

niedergang des kaiser-wilhelm-ratsgymnasiums

dem kaiser wilhelm ratsgymnasium (kwr) zu hannover wird der schleichende niedergang nachgesagt. wenn sich die ehemaligen am wochenende nachts im zaza am raschplatz treffen, ist die rede von katastrophalen organisatorischen verhältnissen heute. und wenn bisher der ausweis, das abitur im kaiser-wilhelm-ratsgymnasium gemacht zu haben, geradezu ein ehrenzeichen war, so scheint diese ära zu ende zu gehen. die ehemaligen betrauern das.
die lehrerschaft, traditionell teilweise geradezu skurrile originale, sei komplett ausgetauscht, heißt es. griechisch ist inzwischen nicht mehr pflicht, das zentralabitur wirft seine tiefen schatten.
als mutter einer ehemaligen kwr-abiturientin denke ich mit großer liebe an die schulzeit dort zurück. nachdem die tochter den härtesten autonomen hannoverschen kinderladen glockseestrolche überstanden hatte, kam sie in die grundschule goetheplatz mit 19 anderen nationen. den bildungsbürger-freunden sträubten sich wiederholt die haare, sie wollten mein kind beispielsweise im schonraum der waldorfschule aufgehoben wissen. aber auch die gs goetheplatz war schon eine herrliche zeit, unter anderem, weil die ausländischen mammas zu jedem schulfest unvergleichlich köstliche speisen servierten. und wegen der schutzgelderpressung sprach die sanfte lehrerin karin heckler ein ernstes wort mit benny. und dann war's erledigt.
den alternativen unter den freunden wiederum war völlig klar, das kind müsse nun auf die integrierte gesamtschule linden. ich sah mir die schule auch an, anlässlich der einschulung eines nachbarkindes - es lag dicker staub auf den lampen der aula. nun gut, das wäre noch zu tolerieren. aber dann sang der chor, kläglich, jämmerlich, nur jonas danestibar-talebi aus unserem autonomen kinderladen schmetterte schön laut, der rest öffnete den mund gar nicht wirklich. die igs linden in der nähe fiel also aus.
blieb nur noch das kwr im vornehmen zoo-viertel, nachdem das ratsgymnasium nähe maschsee, die schule des hannoverschen rates, in das viele hannoversche dichter und persönlichkeiten gegangen waren, aufgelöst worden war (die aktion nehme ich enno hagenah von den grünen heute noch übel).
das kwr also, zusammengefasst nun aus dem aufgelösten rats- und dem kaiser-wilhelm-gymnasium in dem viertel mit den vielen generalsnamen, das war mir zutiefst zuwider. aber nachträglich muss ich sagen, dass ich als berufstätige mutter selten irgendwoanders derart respektvoll behandelt wurde. der damalige rektor, dr. rademacher, äußerlich und in der diktion an einen feuerzangenbowlen-typus erinnernd, akzeptierte mich als haushaltsvorstand, und als das zeitungswesen in die krise kam, war er der einzige, der sich mitfühlend bei mir erkundigte, ob ich denn mit der situation wirtschaftlich zurecht käme.
aber nicht nur er hat einen festen platz in meinem herzen. vor allem deutschlehrer lutz saint-paul wohnt an vorderster stelle. meine tochter war derart gut in deutsch, dass sie keinen leistungskurs wählte sondern den grundkurs bei saint-paul. welche eine kluge wahl!
aufgrund des fehlenden leistungszwanges gestaltete er den kurs zu einer muße-stunde der literarischen kleinodien und die tochter las zuhause zur teestunde regelmäßig vor: schach von wutenow von theodor fontane - die story des soldatischen mannes, der zur erhaltung der ehre dezent selbstmord begeht; oder bartleby, der schreiber, von hermann melville - jene subversive geschichte der lebens- und leistungsverweigerung in den lichtlosen büros von wallstreet; untersuchung an mädeln von albert drach, der die geilheit der richter darstellt; grillparzers armer spielmann, der sein musikinstrument kunstlos spielte, aber voller liebe.
danach kommt gleich renate germann, evangelische religionslehrerin, die das wissen einer professorin besaß, pädagogisch aber ergreifend ungeschickt war, im unterricht dennoch voller wundervoller, ebenso überraschender wie fundierter, bezüge zur jüdischen und orientalischen geschichte, so dass ich dann schonmal zuhause beim mittagsschläfchen einiges zum deuteronomistischen dekalog beiläufig zu hören bekam.
Auch joachim tamm, herr szambien, beide mathelehrer, die die mathematik ebenso liebten wie die kinder, waren klasse. bei szambien gab's tee und tangram in der mathe ag. nicht zu vergessen das etwas hölzerne superhirn in griechisch und latein, marianne trattner, bei der frau aber wirklich was lernte.
philosoph bernhard taureck schwelgte in literarisch vielsprachigen ego-trips, das konnten manche schüler nicht so gut ab, brachte aber andererseits zauberhafte szenische darstellungen mit den schülerInnen zustande, ein begnadeter moderator. peter meuer berichtete in politik auch von seinen familiären problemen. und so weiter und so fort.
und dann, last but not least, die musikalischen darbietungen, die trieben dem publikum tränen der verzückung in die augen, derart begabt waren schülerInnen wie lehrerInnen wie eltern.
das war also schon eine tolle schule. der einzige nachteil: die zwanghafte coolness und arroganz der reichen kids, deren eltern selbstredend obligatorisch in diesem humanistisch-altsprachlichen gymnasium "arbeiten ließen"; die permanente abgrenzung, wer am besten aussieht, die klassengesellschaftliche abgrenzung zu anderen und schnelle abqualifizierung anderer als abgewrackt usw., diese zwänge waren unangenehm.
dennoch: das kwr, für mich als mutter die erfahrung als schule der schulen in niedersachsen, wenn denn schon überhaupt schule sein muss.
Das scheint jetzt aber nur noch nostalgie zu sein. schade.