Von Ingeburg Peters
Damals gab es kaum Wohngemeinschaften, oder
Jugendliche konnten wie heutzutage einfach für immer zuhause wohnen bleiben…
Die Eltern wollten für mehrere Jahre ins Ausland gehen. Der
Vater machte einen Besuch bei meinem Arbeitgeber und informierte sich über
Volontärsgehalt sowie Kantinenessen, Mutter besuchte
die Eltern meines Freundes, um dort ohne mein Wissen und meine Zustimmung
sicherheitshalber eine „Verlobung“ einzufädeln.
Dann war ich plötzlich allein, ohne Mutters gemütliches Frühstück
und Spaß am Wochenende, aber auch weg von den Spießern der Provinz. Nun mit
Redakteuren konfrontiert, die nach dem Besuch des Jazzclubs versuchten, mir Löcher
in die Strumpfhose zu bohren.
Mein Untermieterzimmer in der Kollenrodtstraße hatte einen
Kohlenofen und eine Glastür. Die Vermieterin kontrollierte mich und öffnete
meine Post.
Kurz darauf folgte mir der Boyfriend nach Hannover und
besorgte das Zimmer zum Treppenhaus bei Maurer T. Der Form halber hatte er dort
auch ein Zimmer ohne Fenster, das er aber nie benutzte. Wir besaßen zwei
Matratzen mit Blick auf die Tür und einen Plattenspieler, und wenn wir vergessen
hatten abzuschließen, stürzte der volltrunkene Herr T. abends
versehentlich in unseren Raum.
Einmal bat ich meinen Freund, ein Brett als Ablage an der
Wand anzubringen und er erbrachte diese Leistung auch tatsächlich. Das war es
dann allerdings auch, zum Frühstück gingen wir ins Wiener Café, jeden Abend
verbrachten wir bei Erich in der Altstadt. Habe dort auf der Eichenbank, an die
hohe Verschalung gelehnt, Buch um Buch verschlungen. Die intellektuelle
Atmosphäre gefiel mir. Wenn ich aufblickte, sah ich Gesichter, die dann auf
den RAF-Fahndungsplakaten prangten...
Einer, der später Funkhausdirektor wurde, wollte mich
zwischendurch heiraten und stellte mir einen Bungalow in Aussicht. Der oder das
Bungalow reizte mich nicht.
Später bot mir ein Kollege, mit dem ich Minderjährige mich selbstständig
machen wollte, ein anderes Zimmer an, wohl um mich aus der Einflusssphäre meines
Freundes zu entfernen, noch schrecklicher als das vorige. Durchs Dachfenster
kam spärliches Licht, und die zwei Mädchen nebenan lauschten an der Tür. Unter
mir wohnende beschwerten sich über das endlose laute Klappern meiner Schreibmaschine.
Zuvor hatte ich eine Mitvolontärin von Erich aus angerufen, ob ich das Zimmerangebot
annehmen solle. Sie fand es interessant und ich war in einem ziemlich labilen
Zustand.
Schließlich fand der „Partner“ (irgendwie erinnert mich
das jetzt an die Beatles „She’s leaving home, bye bye, …meets a man from the motortrade…“)
ein Zimmer im Rotlichtviertel unweit unseres Büros, da wollte ich aber nicht bleiben, weil ich mich
gar nicht aus der Tür traute.
Also mietete er mir ein Zimmer bei einem alten Mann in der
Lenaustraße. Schließlich gab es dann im Büro
eine Schlafgelegenheit, später wurde eine ganze, aber primitive Wohnung in dem
Haus frei.
Irgendwann zogen Leute im Hinterhaus aus, das keine
Toiletten, keine Küchen, nichts hatte. Ich begann das Haus zu „sanieren“:
Kücheneinbau, Sanitäranlagen, von 36 Fenstern die Hälfte erneuert. Das Programm
hält bis heute an.
Gibt es eine Pointe dieser Geschichte? Ich weiß es nicht. Sind
wir nicht alle nur Untermieterinnen des Lebens? Jedenfalls habe ich niemals bis
ins hohe Alter komfortabel gewohnt, es hätte mich auch nur gelangweilt. All rights reserved