Kaum einer weiß: Die zentrale Fachstelle „Hilfen zur Wohnungssicherung“ verhindert seit 2012 hunderte Zwangsräumungen pro Jahr
Frankfurt/Hannover. Es ist eine Horrorvorstellung: Ein Brief vom Amtsgericht oder eine Kündigung liegt im Briefkasten. Für viele Menschen ist das der Moment, in dem die Angst beginnt: die Angst, die eigene Wohnung zu verlieren. In Frankfurt am Main gibt es seit 2012 eine zentrale Anlaufstelle, die genau in diesen Situationen eingreift – schnell, verlässlich und erfolgreich: die zentrale Fachstellen „Hilfen zur Wohnungssicherung“(HzW) des Jugend- und Sozialamtes der Stadt Frankfurt.
„Ab und an kommen ganze Delegationen anderer Städte in Deutschland zu uns, um herauszufinden, wie unsere zentrale Fachstelle aufgebaut ist, sie wollen sich an unserem Modell orientieren“, sagt Karl-Friedrich Klein, Teil des vierköpfigen Leitungsteams der HzW im Jugend- und Sozialamt, nicht ohne Stolz. Und tatsächlich setzt das Amt damit seit Jahren Maßstäbe im Kampf gegen Wohnungslosigkeit.
Was heute als bundesweit beachtetes Erfolgsmodell gilt, entstand aus einer klaren Erkenntnis: Hilfe muss gebündelt und jederzeit erreichbar sein. „Vor 2012 wurde die Unterstützung bei drohendem Wohnungsverlust dezentral in den jeweiligen Sozialrathäusern organisiert“, erinnert sich Klein. „Natürlich waren unsere Mitarbeitenden damals ebenso engagiert dabei, aber das Dezentrale konnte zum Problem werden“. Und zwar dann, wenn es beispielsweise zu Urlaubs- oder Krankheitszeiten kam, die zu Verzögerungen führen konnten und so wertvolle Zeit verstrich, um eine Zwangsräumung zu verhindern.
Mit der Gründung der zentralen Fachstelle wurde ein starkes, schlagkräftiges Team aufgebaut, das seitdem koordiniert und mit hoher Fachkompetenz handelt.
Rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – zwei Drittel aus dem Sozialdienst, ein Drittel aus dem Wirtschaftsdienst – kümmern sich seither um Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind. Und der Erfolg spricht für sich: Allein in den ersten zweieinhalb Jahren nach Gründung konnte die Zahl der durchgeführten Zwangsräumungen von 964 auf 450 mehr als halbiert werden.
Das Erfolgsgeheimnis der HzW liegt in ihrer engen Zusammenarbeit mit Wohnungsbaugesellschaften, privaten Vermieterinnen und Vermietern sowie dem Amtsgericht. „Ziel ist es, so früh wie möglich mit Vermietenden ins Gespräch zu kommen, bevor eine Räumung vollzogen wird. Denn in knapp 90 Prozent der Fälle sind Mietrückstände der Grund für eine Räumungsklage“, sagt Klein. Hier setzt die Fachstelle gezielt an: Sie vermittelt, übernimmt in vielen Fällen Darlehen oder unterstützt bei der Beantragung von Wohnkostenübernahmen.
Prävention zahlt sich aus – menschlich wie finanziell: Bereits 1987 stellte der Deutsche Städtetag fest, dass die Verhinderung von Wohnungsverlusten nicht nur den betroffenen Menschen hilft, sondern auch für Kommunen der kostengünstigere Weg im Umgang mit Wohnungslosigkeit ist. „Das Jugend- und Sozialamt lebt diesen Grundsatz konsequent: Prävention ist hier nicht nur ein Akt der Humanität, sondern auch Ausdruck verantwortungsvoller Finanzpolitik“, sagt Nanine Delmas, Leiterin des Jugend- und Sozialamtes.
Besonders bemerkenswert ist das gewachsene Vertrauen zwischen der HzW und den Vermieterinnen und Vermietern der Stadt. Viele legen Kündigungsschreiben inzwischen automatisch einen Flyer der Fachstelle bei, Wohnungsbaugesellschaften versenden ihn regelmäßig mit. So erreichen Hilfsangebote die Betroffenen frühzeitig – und erhöhen die Chance, Wohnraum zu erhalten.
Bundesweit ist die Frankfurter Fachstelle in dieser Form einmalig. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bei jeder Zwangsräumung persönlich vor Ort und lassen keine Betroffene und keinen Betroffenen allein.
Das Modell findet über die Stadtgrenzen hinaus große Beachtung. „Immer wieder wenden sich andere Kommunen an Frankfurt, um vom Konzept der HZW zu lernen. Zuletzt zeigten Hannover, Offenbach und Groß-Gerau Interesse an der Einrichtung vergleichbarer zentraler Fachstellen“, sagt Klein.
Das Jugend- und Sozialamt beweist: Wohnungslosigkeit ist kein unabwendbares Schicksal. Mit früher Intervention, starker Vernetzung und engagierten Fachkräften kann es gelingen, hunderten Menschen jedes Jahr ein Zuhause zu bewahren.
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