Mittwoch, 10. Juli 2024

Der Stellvertreter - Eine kleine Kriegsgeschichte aus Nazi-Deutschland

 Von Ingeburg Peters

 

Er war der Stellvertreter seines bald nach der Geburt verstorbenen Bruders.

Dies hat ihm niemand verraten. Er hat es selbst herausgefunden.

Denn der Bruder seiner Mutter hieß Friedrich.

Ihr erstes Kind sollte wie er Friedrich (oder Friederike) heißen.

Dieser zweite Junge nun bekam den Doppelnamen Friedrich-Wilhelm,

die weiteren Söhne hießen nur noch kurz Franz, Karl, Dieter.

Alles Jungs, deren Erziehung ihr die Nazis aus der Hand nahmen,

dabei hätte sie so gern blonde Löckchen gekämmt.

Und selbst bei der zweiten Geburt war der genitale Schock

für die promovierte Mutter noch zu groß.

Sie und ihr Gatte verdrängten eine Weile,

dass der Kleine auf einem Auge nicht sehen konnte.

Erst bei den weiteren Geburten lernte sie,

sich in die Mutterkreuz-Rolle zu ergeben, um fehlerfrei

deutsch-national  zu gebären.

 

Die Bürde seiner zwei Identitäten war Friedrich-Wilhelm zu groß.

Er blieb zeitlebens Enfant Terrible, fühlte sich nicht zu Ende geboren.

Die Wehrmacht hatte leichtes Spiel mit ihm.

 

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